Kapitel 1

Hanna lag in ihrem Bett, bereit zu sterben.

Einfach nur sterben, aus, alles vorbei. Endlich Ruhe. Sie war so unsagbar müde. Müde von dieser scheißverfickten Welt da draußen, von all dem Gerede, dem Generve, den Gerüchten, den miesen Sprüchen, all den Blicken, all den Arschlöchern um sie herum; und im großen Ganzen: all die Kriege, die Morde, das Leid, all die Ungerechtigkeit überall auf der Welt, wie sollte man damit nur klarkommen? Und in ihr drin, da sah es nicht viel besser aus. Alles voll von verrotteten Gedanken und Gefühlen, eine unendliche Traurigkeit, die sie lähmte; Hass, Wahnsinn, ein Brennen in ihrem Kopf, ihrer Brust, ihrem Bauch. Sie konnte das alles nicht mehr ertragen, hatte keine Kraft mehr, um zu kämpfen. Mit diesem Körper, der nie so funktionierte, wie sie es gerade brauchte, wie sie es wollte. Sie war das alles so leid, so komplett leid. Sie wollte einfach nur noch Ruhe, sie wollte einfach nur sterben.

Das war an sich nichts Neues für Hanna. So weit sie zurückdenken konnte, war sie immer schon traurig gewesen, müde, allein, überfordert mit allem, außen und innen, kraftlos. Es war eine Mischung aus unglaublicher Einsamkeit, erdrückender, lähmender Traurigkeit, Angst, Abscheu vor der Welt, den Menschen gegenüber und dem brennendem, ohrenbetäubendem Lärm in ihrem Kopf. Momenten, in denen sie im Sekundentakt Explosionen von Emotionen fühlte, wenn sie versuchte, runterzukommen, die Augen schloss, tief ein- und ausatmete – dann rasten manchmal die Bilder des Tages an ihr vorbei, Gespräche, Geräusche, sie fühlte Angst, Scham, Hass, Wut alles gleichzeitig, während sie in Gedanken Menschen sah, reden hörte, immerzu reden, um sie herum, in der Schule, auf der Straße, im Bus. Es rauschte und explodierte in ihrem Kopf in einer Endlosschleife. Die Gefühle erdrückten sie, schnürten ihren Hals zu, bis sie zitternd in der Ecke kauerte und sich durch Schmerzen wieder Luft zum Atmen verschaffen musste, sich erdete, wie sie es nannte. Sie kannte das alles, sie hatte das alles tausendmal erlebt, sie hatte das alles so endlos satt. Nein, es war absolut nichts Neues. Neu war nur, dass in diesem Moment eine Nachricht von Sven auf ihrem Handy aufleuchtete.

Sie musste lächeln. Und das war definitiv auch neu. Es war natürlich kein breites Grinsen, kein Zahnfleischlächeln, nein, aber ihre Mundwinkel zuckten eindeutig nach oben, ganz kurz, ein Mal. Das Handy hatte aufgeleuchtet, und sie dachte, ja, so ist das, du bist das Licht in meiner dunklen Nacht. Und musste wieder lächeln, über sich selbst und diesen grottigen Schmalzdreck, den sie da dachte. Was war hier eigentlich los? Wie konnte eine WhatsApp-Nachricht, eine Person, es schaffen, sie so dermaßen schnell aus ihrem Loch, ihrem Gedankengefängnis zu reißen? Seit sie Sven kannte, schaffte er es immer wieder.

Sie hatte Sven noch nie getroffen, tatsächlich hatte sie ihn auch noch nie gesprochen. Sie kannten sich jetzt seit acht oder neun Monaten über das Internet. Er hatte ihre Website, ihren kleinen Blog, ihr Sammelsurium der Monstrositäten, wie sie es nannte, gefunden und sie kontaktiert, und sofort, von seiner ersten Mail an hatte sie das Gefühl, nicht mehr ganz so allein zu sein. Das Gefühl, dass dort draußen jemand war, der sie verstand. Also, so richtig verstand.

Natürlich hatte sie im Internet bereits viele mehr oder minder gleich gesinnte Freunde gefunden. In einem Forum, BlutigeTraenen.de, war sie seit mehr als zwei Jahren aktiv und hatte enge Freundschaften mit einigen Nutzern geknüpft, die genau wie sie todtraurig und allein waren, gefangen in einer tristen, feindlichen Welt. Die sich ritzten aus den unterschiedlichsten Gründen. Aber mit Sven war es irgendwie anders. Vom ersten Moment an spürte sie, dass da eine andere Ebene der Verbindung, der Freundschaft möglich sein könnte. Es lag irgendwie ein positives Versprechen, ein kleines, zartes Körnchen Hoffnung darin, wann immer sie Chaosprince98 las. Sein Online-Pseudonym.

 



Kapitel 4

Die Welt kannte Sarah als braves, wohlerzogenes, stilles Mädchen, das immer schlichte, schwarze Kleider trug, die im Kontrast ihr langes, blondes Haar noch heller leuchten ließen. Stets war sie versunken in Bücher oder Tagträume. Wenn sie etwas gefragt wurde, sah sie die Menschen sehr lange an, aus großen, blassen Augen, bevor sie langsam, leise antwortete, so als sei sie gerade erst aus einem tiefen Traum erwacht. Aber Sarah hatte zwei Gesichter. Ihre Eltern kannten sie auch als impulsives, explosives Energiebündel, das wegen der kleinsten Anlässe die heftigsten Wut- und Tobsuchtsanfälle bekam, aus denen sie nichts und niemand wieder herausholen konnte. Es half kein gutes Zureden, kein Festhalten, kein Schreien, kein Schlagen – nur wegsperren und abwarten, bis sie sich selbst wieder beruhigt hatte, bis sie von selbst wieder diesen verklärten, verträumten Blick bekam und ihre leise, fast schon flüsternde Stimme zurück war. Zum Glück hatte Sarah diese Anfälle meist nur zuhause. Sie wusste selbst nicht, woher sie kamen, sie kamen einfach aus dem Nichts, einfach so über sie, wenn sie sich über etwas ärgerte, ihr etwas nicht gelang, sie sich ungerecht behandelt fühlte.

Heute hatte sie keinen Grund für einen derartigen Wutanfall gehabt. Es war der 7. September 1893, ihr dreizehnter Geburtstag. Und als sie abends im Bett lag, dachte sie euphorisch, dass heute der schönste Tag ihres Lebens gewesen war. Ja klar, das war übertrieben, aber sie war einfach nur überglücklich. Im Flur hörte sie ihre Mutter, und sie wartete auf ihren Gutenachtkuss und darauf, dass Mutter die Kerze löschte, wie sie es jeden Abend tat. Sie überlegte kurz, ob sie noch einmal schnell aus dem Bett huschen und ihre Geschenke anschauen sollte, aber das musste sie gar nicht. Auch wenn sie die Bücher liebte, sie sich den blauen Schal, die weiße Spitzenbluse schon lange gewünscht und sich besonders über die feinen, schwarzen Lederhandschuhe gefreut hatte – das Schönste war der Zirkus gewesen.

Eine Kutsche hatte sie von zuhause aus der Haubachstraße in Berlin-Charlottenburg abgeholt, der Kutscher hatte ihr beim Einsteigen geholfen: „Fräulein Goldmann, es wartet ein ganz besonderes Abenteuer auf Sie!“ Und dann waren ihr Vater, ihre Mutter und ihr kleiner Bruder hinterhergestiegen, und gespannt waren sie zu dem großen Festplatz gefahren, wo der Zirkus Balthasar gastierte. Sarahs Klassenkameradinnen hatten schon viel davon geredet, aber noch keine war wirklich drin gewesen, hatte eine Vorstellung gesehen – und nun durfte sie zum allerersten Mal in den Zirkus.

Der Eintritt war teuer, zwei Mark und fünfzig Pfennige pro Person. Aber das war es wert, o ja. Wenn sie jetzt zurückdachte an all die Artisten, Kunststücke, Tiere, Wunder, Zaubereien, dann war alles ein magischer, bunter Sturm der Bilder in ihrem Kopf. Aber ein Bild, ein Artist stach ganz klar heraus: der Feuerspucker.

Der Elefant hatte gerade das große Zirkuszelt verlassen, und das Publikum saß noch ehrfürchtig mit offenen Mündern auf den Bänken, da wurde es plötzlich ganz finster, und im Schein einer einzelnen Fackel betrat ein großer, rundlicher und doch mit starken Muskeln an Armen und Beinen ausgestatteter, glatzköpfiger Mann die Manege. Er hatte einen nackten Oberkörper, trug eine knappe, schwarze Hose und hielt eine große Fackel in der Hand. Aus einem kleinen, bronzenen Fläschchen, welches für Sarah ein wenig wie eine orientalische Zauberflasche aussah, trank er immer wieder kleine Schlucke einer Flüssigkeit. Und dann spuckte er große Feuerfontänen in die Dunkelheit – wie ein Drache im Märchen! Gebannt beobachtete Sarah die großen Feuerwolken, fühlte ihre Hitze, sah die goldene, rote, glühend weiße Pracht, wie sie sich in die Finsternis des Zeltes fraß. Noch nie hatte sie etwas Schöneres gesehen, noch nie hatte sie etwas gesehen, das so verlockend, so begehrlich, so heilig aussah wie dieses Feuer. Sarah verlor jedes Gefühl für Raum und Zeit, wo sie war, wer sie war. Sie sah die Feuerwolken, wie sie sich in Zeitlupe aufbauten, ausbreiteten, fühlte, wie die Hitze an ihr leckte, an ihrem Gesicht, ihrem Hals.

Spätabends in ihrem Bett liegend, konnte Sarah immer noch ganz genau die Hitze fühlen, sie brannte überall auf ihrer Haut. Langsam glitt sie in den Schlaf, während sie Wolken und Mauern, Berge und Landschaften aus purem Feuer sah. Es machte ihr keine Angst, nein, überhaupt nicht, es fühlte sich vertraut an, wunderschön. Es war, als ob das Feuer für sie, mit ihr spielte, als sei es ein Teil von ihr. Jetzt schwebte sie im Traum über einem riesigen Meer aus Feuer. Wellen aus Flammen tanzten wild, ungezügelt, in gleißendem Gold hin und her. Sie fiel, tauchte ein, mitten in das Flammenmeer hinein. Aber anstatt qualvoll zu verbrennen, fühlte sie nur Glück, Geborgenheit, Euphorie. Es war ein schönes, reines, erfüllendes Gefühl. Mit einem seligen Lächeln wurde ihr klar, dass sie hier im Feuer zuhause war.